Jan 19

Kosmetik aus der Natur

Gastbeitrag Julia Sentmann (@urbarium)

Was ist eigentlich Naturkosmetik?

Naturkosmetik ist ein breiter Begriff, der weder geschützt noch exklusiv ist. Die meisten, die sich derzeit auf dem Pfad des nachhaltig-reduzierten Lifestyles begeben, sind daran interessiert, was sie in und an sich ranlassen. Und dazu gehört die Hautpflege.

Stoffe natürlichen Ursprungs sollen es für viele sein, aber moment mal: auch Paraffin und Palmöle und Silikon können irgendwie auf einen natürlichen Ursprung zurückgeführt werden.

Es geht also um mehr: Was ich an meine Haut lasse, soll fairtrade, frei von künstlichen Farb- und Duftstoffen sein und natürlich sollten keine Kaninchen gequält worden sein.

Überhaupt: je weniger Inhaltsstoffe, desto hochwertiger meist die Produkte. Wenn diese dann noch nachhaltig oder gar unverpackt zu haben sind, haben wir ein schönes Win-Win.

Was gehört rein und was nicht?

Einmal war ich in einem vermeintlichen Naturkosmetik Forum auf Facebook unterwegs. Die Rezepturen, die dort geteilt wurden, enthielten alle Wasser. Wenn du Wasser in Öl einbindest, musst du dein Cremchen entweder innerhalb von 7 Tagen aufbrauchen oder chemisch konservieren. Und damit sind wir wieder beim Thema: was ist Naturkosmetik, wo hört sie auf?

Umdenken ist angesagt.
Wäre es nicht natürlicher, „Feuchtigkeit“ zu trinken, als sie über unser größtes Körperschutzorgan – genannt Haut – zuzuführen? Und stattdessen die Verdunstung durch eine leichte Salbe einzudämmen? Muss jeden Tag geduscht werden und müssen unsere Haare mit silikonhaltigen Shampoos auf Hochglanz poliert werden?

„Aber meine Kopfhaut fettet 4h nach dem Duschen schon nach!!“ Gib deiner Kopfhaut einmal eine Pause und warte, ob sich die Talgproduktion nicht etwas reguliert, wenn du zwischendurch ein Trockenshampoo benutzt.

Bildquelle: www.urbarium.de

Was sollte man bei der Herstellung von Naturkosmetik beachten?

Als erstes würde ich einmal vorschlagen, mit einem kleinen Projekt zu beginnen. Z.B. mit Handbutter oder einem Körperbalsam. Wer dann auf den Geschmack gekommen ist und eine Gesichtscreme herstellen möchte, sollte als erstes einmal ein Profil erstellen:

  • Hauttyp
  • Neigst du zu Unreinheiten oder eher trockener Haut?
  • Hast du reife, pubertierende, äußerst empfindliche oder Babyhaut?

Sagen wir einmal du hast trockene aber unreine Haut. Anhand einer Liste, wie z.B. dieser, die du auf meinem Blog oder meinem Naturkosmetik Buch finden kannst, stellst du dir eine kleine Ölsammlung zusammen. Und dann kannst du dir ein Facial Öl herstellen oder eine Creme. Als Basis empfehle ich gerne Sheabutter. Sie ähnelt von der Beschaffenheit dem körpereigenen Talg und ist nicht komedogen.

Wo muss man vorsichtig sein?

Mir stellen sich jedesmal die Haare zu Berge, wenn ich im Internet Deocreme Rezepte finde, deren Blogger rufen: Hurra! Zerowaste und soooo easy: Gibt einfach etwas Natron in Vodka und sprüh dir das unter die Arme. Vodka enthält Alkohol und trocknet die Haut aus. Natron hat einen pH-Wert von 8,1 ist also alkalisch, zu deutsch: ätzend. Du kannst dir damit direkt ein Achsel-Ekzem heraufbeschwören und vergräbst die Naturkosmetik ganz unten in der Ecke der nicht realistischen Alternativen zur Weltverbesserung.

Natron bindet Gerüche. Das ist klasse für den Kühlschrank. Aber bei Deos setzen wir besser auf drei Ebenen an. Ein Deo soll:

  1. Feuchtigkeit binden
  2. antibakteriell wirken
  3. evtl. noch Schweißdrüsen zusammenziehen
  4. evtl. noch etwas pflegen

Diverse Wurzelstärken können zur Feuchtigkeitsbindung eingesetzt werden. Tonerde sorgt für sanftes Haften und bindet ebenfalls Feuchtigkeit. Zinkoxid wirkt etwas zusammenziehend, antibakteriell und gleichzeitig wundheilungsfördernd. Anstelle alles in einer Basis aus Alkohol zu lösen, kannst du die Wirkstoffe in Kokosöl geben. Kokosöl enthält Laurinsäure und diese wiederum wirkt antibakteriell. Dass der unangenehme Geruch nicht der Schweiß an sich ist, sondern die Stoffwechselprodukte von Bakterien auf der Haut, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Darum macht ein antibakterieller Ansatz ja so viel Sinn.

Wer dolle stinkt, sollte die Diät überdenken. Und wer mit Natron gute Ergebnisse erzielt hat, kann das natürlich weiterhin mit einarbeiten, aber bitte nicht als Hauptbestandteil.

Wer nun nicht zu den Selbermischern gehört, tut gut daran, sich in die Wirkstoffe einzulesen und dann akribisch die als Naturkosmetik angepriesene Produkte zu überprüfen. (CodeCHeck, etc.). Gerade große, kommerzielle Firmen drucken ein kleines Lavendelblümchen auf die Papierverpackung und schreiben drauf, was alles NICHT drin ist, um von billigem Mist abzulenken.

Wie lange hält die selbergemachte Kosmetik?

Kommt drauf an. Ich persönlich verzichte wie gesagt auf Wasser und arbeite nur mit Ölen und Pflanzenbuttern oder mit Trockenstoffen, die man ggf. kurz vor Anwendung frisch mit Wasser versieht, wie z.B. Gesichtsmasken, Peelings, Facial Steams.

Öle sind an sich recht lange haltbar. Je nach Fettsäuren wird das eine Fett schneller ranzig als das andere. Das beginnt meist am Flaschenhals oder Gießring der Ölflasche und kriecht langsam in die Flüssigkeit. Ranzig gewordenes Fett riecht nussig-scharf und unangenehm. Dennoch kein Grund gleich alles auszukippen: Wisch den Gießrand ab und du wirst sehen, dass die Flüssigkeit, die jetzt herauskommt, wieder natürlich bzw. geruchslos ist und noch eine ganze Weile verwendet werden kann. Idealerweise legt man sich aber kleine Portionen zu.

Aber zurück zur Haltbarkeit:
In der Galenik* gibt es die Grundsatzregel für Produkte mit:

  • ätherischem Öl // 6 Monate Haltbarkeit
  • Fette, Öle, Pflanzenbuttern // 12-18 Monate
  • Trockene Substanzen, Kräutermischungen // bis zu 3 Jahren

Und dann darf man sich eben auf die eigenen Sinne verlassen. Riecht es komisch: weg. Ist Schimmel reingekommen: weg.

Einmal habe ich nicht ganz trockene, große Blüten in einer Handbutter verarbeitet. Nach einer Weile krochen kleine Würmchen aus der Butter!! Eine Fruchtfliege stand leider auch auf Blüten… (weg!!)

(*Galenik nennt man die Arzneiformenlehre, sie geht auf den griechischen Arzt Galen, 2. Jhdt. n.Chr. zurück)

Bildquelle: www.urbarium.de

Wie lagert man es am besten?

Stellst du eine Creme oder ein Öl oder ein Pflanzenpulver her, füllst du es am besten in ein Braunglas ab. Hast du keins da, geht auch ein normales Gläschen, dass du an einer schattigen Stelle platzierst.

Super gerne stelle ich feste Kosmetik her, die dann die Form einer Seife hat. Z.B. eben Handbutter, festes Duschpeeling, fester Bodybalsam. Unverpackt, plastikfrei und zugleich hübsch anzusehen. Auf meinem Blog und in meinem Buch gibt es einige Rezepturen und ich hoffe, der Welt einen Anstoß zu geben, sich eine eigene, persönliche Beautyserie fürs Badezimmer zu erstellen.

Inhaltsstoffe:
Ich nutze gerne Pflanzenbuttern, die ich von zertifizierten Biobetrieben aus Afrika bekomme. Leider wächst hier noch kein Sheanussbaum. Ansonsten gehen auch regional gepresste Öle oder Wachse vom Imker deines Vertrauens.

Viele kulinarische Öle, die auch deine Haut sanft pflegen, findest du schon im Supermarkt: z.B. Hanföl und Argan! Hanföl ist ideal für Teenagerhaut, Argan für reife Haut, die etwas mehr Durst hat. Beide Öle sind nicht komedogen: sie lösen keine Unreinheiten aus. Und Sonnenblumenöl hat wahrscheinlich jeder im Haus.

Beim Auftragen von Ölen ist nur eins zu beachten:
Je nach Zusammenstellung der enthaltenen Fettsäuren gibt es die sogenannten „trockenen“ Öle und die „feuchten“. Erstere ziehen gut und schnell in die Haut ein, während die anderen sparsam verwendet werden sollten, da sie sonst das körpereigene Talg herauslösen können. Ich reibe Öle also nie in die Haut ein, sonder trage sie mit den Handflächen auf und presse sanft an.

Ich würde sagen, bei der Naturkosmetik ist es, wie bei vielen Dingen im Leben: Die Einfachheit, aber auch die entschleunigte Anwendung wird den Erfolg bringen. Weniger ist eben oft mehr.

Wenn du nun überzeugt bist und die eine kleine Rezeptur-Ausstattung anlegen möchtest, empfehle ich dir folgende Dinge:

  • Waage
  • Rührstab aus Glas
  • Mörser und Pistill aus Porzellan oder Marmor
  • Kartenblätter

Weitere Infos zur Grundausrüstung und auch über die ersten Öle, die du dir anschaffen solltest, findest du in diesem Blogpost.

Wer noch weitere Fragen hat erreicht mich immer über Instagram, da kann man mir einfach eine Sprachnachricht schicken. Regelmäßig teile Rezepturen zum Nachmischen und sehr bald auch eine Kräuterschule, die ebenfalls ein großes Modul zum Thema Naturkosmetik enthält.

Also, traut euch ran und mischt mal was!


Über die Autorin:

Hier schreibt Jules, Naturkosmetik Expertin, Pharmazeutin und Lehrerin.
Im ersten Leben war ich Pharmazeutin, als ich aber statt Kräutertinkturen nur Antibiotika und Potenzmittelchen verkaufte, wechselte ich das Berufsfeld und wurde Lehrerin und Medienpädagogin.

Aus familiären Gründen bin ich vor ein paar Jahren aus dem normalen Schulleben ausgestiegen und habe mich wieder auf die Apothekenkunst besonnen und teile mein Wissen in Workshops und auf meinem Blog.

Blog: www.urbarium.de

1 Comment

  1. Lena
    28. Januar 2020 at 6:42 · Antworten

    Danke für diesen tollen Blog. Das war sehr interessant zu lesen. Hoffe das bliebt so;)

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.